S.S. America 1978
Seite 2: America reloaded- Das Desaster von New York
Am Tag des Beginns der ersten Kreuzfahrt (eine 2 Tages Tour auf dem Atlantik vor New York), war das Schiff dann auch mehr als alles andere eine Großraumbaustelle. Viele Aufenthaltsräume waren geschlossen, da sie noch renoviert wurden und gleiches galt für zahlreiche Kabinen. Beide Swimmingpools waren leer und das Kino nicht funktionsbereit. Auf den Korridoren fanden sich Müllhaufen und das Schiff wurde von einem unangenehmen Geruch durchzogen, den die nach wie vor nicht gelösten Probleme mit dem Abwassersystem mit sich brachten.
Für viele zusätzliche Passagiere, die zum Teil noch mit last minute Angeboten gelockt wurden, oder gebucht hatten und nicht auf den Passagierlisten standen und zu den 600 der offiziellen Passagierliste hinzukamen, gab es durch diese Probleme keine verfügbaren Kabinen. Trotzdem nahm man alle an Bord und versprach das Unterbringungsproblem zu lösen, sobald das Schiff abgelegt hatte.
Nach dem Ablegen mit über 900 Passagieren an Bord löste man es mehr schlecht als recht, indem man unrenovierte oder unfertige Kabinen zur Unterbringung bereitstellte. Teils sogar ohne Bettwäsche, die dann noch in Zeitnot originalverpackt nachgereicht wurde. Der Unmut vieler Passagiere war groß, nicht nur aufgrund des unfertigen Umbaus.
Es gab Beschwerden über Kakerlaken, gesichtete Ratten, überflutete Kabinen, nicht funktionierende Toiletten, undichte Wasserhähne, durchgelegene Matratzen und dreckige Bettwäsche. Zudem gab es Verständigungsprobleme mit der Besatzung, von denen viele nur rudimentäre Englischkenntnisse hatten, was zu weiteren Missverständnissen führte.
Nach einigen Stunden kippte die Stimmung dann endgültig. Es gab Handgreiflichkeiten und "we want our money back"- Rufe, die in einer Art Meuterei mit Protestzug zur Kabine des Kapitäns endeten und das Schiff nach sechs Stunden auf See zum umkehren zwangen. Da kein geeigneter Ankerplatz in New York verfügbar war, lies man den verärgerten Teil der Passagiere (ungefähr 250) mit Rettungsbooten vor Staten Island von Bord und setzte die Kreuzfahrt mit den verbliebenen fort. Die Beschwerden rissen nicht ab, so wurde unter anderem bemängelt, dass das Essen schlecht sei, es Hygienemängel gäbe und die untrainierte Crew bei vielem erhebliche Organisationsprobleme hätte.

Die America ankert vor Staten Island.
Zurück in New York wurde die America von zahlreichen Journalisten empfangen, die durch die Berichte der Tags zuvor ausgesetzten Passagiere hellhörig geworden waren. Viele der unzufriedenen Passagiere nutzten die Gelegenheit, um den Reportern ihre Sicht der Dinge mitzuteilen, was zu einer negativ- Artikelflut in den lokalen Zeitungen führte.
Die alarmierte Gesundheitsbehörde führte eine Hygieneinspektion an Bord des Schiffes durch. Von möglichen 100 Punkten erreichte die America bei der Inspektion lediglich 32, wobei 86 Punkte als Durchfallgrenze galten. Bemängelt wurde neben den bekannten Problemen auch der generelle Zustand des fast 40 Jahre alten Schiffes.
Der Gesundheitsbehörde waren aber die Hände gebunden das Schiff festzusetzen, da es in Panama registriert war und so nicht unter der Verfügungsgewalt der US-Gesundheitsbehörde stand.

Anstatt nach diesem Desaster die Notbremse zu ziehen und die Probleme gründlich zu beseitigen, startete man am 3. Juli planmäßig die zweite Kreuzfahrt, einen 5 Tages Trip mit Ziel Halifax und Zwischenstop auf Martha's Vineyard, diesmal mit nur rund 640 Passagieren an Bord.
Die Überbuchung fiel so als Problem weg, wurde aber neben dem schon erwähnten Zustand des Schiffes von einem neuen abgelöst: schlechtes Wetter. Die Route der Kreuzfahrt führte direkt durch eine schwere Sturmfront. Durch starken Seegang , hohe Windstärken und dadurch verursachtes Rollen der America wurden viele Passagiere Seekrank. Genau in dieser Notlage versagte das angeschlagene Abwassersystem erneut umfassend in vielen Teilen des Schiffes und ließ Toiletten überlaufen oder verstopfen. Zudem brachte der starke Seegang Rohrsysteme zum bersten und nicht gesicherte Bullaugen wurden zerschmettert.
Der Zwischenstop auf Martha's Vineyard musste gestrichen werden, da die Wetterverhältnisse ein Anlanden der Passagiere nicht erlaubten.
Die America kämpfte sich weiter, stampfend und rollend in schwerer See nach Halifax durch. Dort brachen wieder einige der Passagiere, die entweder Seekrank oder unzufrieden waren, die Kreuzfahrt ab und flogen zurück in die USA.

Nach dem die America wieder in New York eingetroffen war, führte die Gesundheitsbehörde abermals eine Kontrolle durch, um zu überprüfen, wie sich die Situation an Bord darstellte. Das Ergebnis fiel noch verheerender aus als das vorherige. Dieses mal erreichte das Schiff nur noch 6 von möglichen 100 Punkten, der niedrigste Wert der jemals vergeben wurde. Neben katastrophalen hygienischen Zuständen bei der Essenszubereitung wurde festgestellt, dass die Trinkwassertanks mit durchfallverursachenden Bakterien kontaminiert waren.

Venture Cruise Lines blieb aufgrund dieser skandalösen Ergebnisse, des immer größeren Imageschadens und des öffentlichen Drucks gar nichts anderes übrig, als das Schiff außer Dienst zu stellen und sich um die Lösung der Probleme zu bemühen. Diese Einsicht kam allerdings zu spät um das Ruder noch einmal rumzureißen und der finanzielle Ruin nahm seinen Lauf.

Verärgerte Passagiere werden mit Rettungsbooten vor Staten Island von Bord gelassen, da in Manhatten keine Anlegestelle frei war.
-Bild: Steamboat Bill -
America an ihrem Pier.
-Bild: Sea Classics-
Passagiere gehen nach der zweiten Kreuzfahrt in New York mit "s.s. America" T-Shirts von Bord, einige mit Daumen nach unten, andere mit Daumen nach oben.
Logo und America- Schriftzug der Venture Cruise Lines.
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Die America im Hudson River.
-Bild: Venture Cruise Lines Plakat-
America passiert die Verrazano Narrows Bridge auf ihrer zweiten Kreuzfahrt.
America an ihrem Pier.
-Bild: Sea Classics-
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