S.S. American Star - Vom hoffnungsvollen Plan zum totalen Desaster
Die ersten Tage nach der Strandung

Die Nachricht der Strandung eines großen Schiffes verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf Fuerteventura. In den ersten Tagen nach der Strandung, nachdem die Nachricht auf der Insel die Runde gemacht hatte, versammelten sich Schaulustige an der Unglücksstelle.
Auch ein Kamerateam des spanischen Fernsehens interessierte sich für das außergewöhnliche Ereignis auf der ansonsten eher nachrichtenarmen Kanareninsel. Der Anblick der vom Schiffsrumpf gebrochenen Wellen, die höher als das Schiff selbst mit einer unglaublichen Kraft in den Himmel schossen, war beachtlich. Ein betreten war jedoch aufgrund des immer noch anhaltenden Orkans unmöglich und so beschränkten sich die Aktivitäten auf beobachten, fotografieren, filmen und den Austausch von Gerüchten. Um zu verhindern, dass Unbefugte das Wrack betreten, wurden Wachen der Guardia Civil aufgestellt.

Seite 5: Die Plünderungen
Alles muss raus- Die Ausschlachtung und Plünderung des Wracks

Am 4. Juli wurde die American Star von einer Bergungsfirma, nach Abschluss der Untersuchungen offiziell zum Totalverlust erklärt. Sie ging in den Besitz des spanischen Verteidigungsministeriums über.
Nach der Aufgabe der Bewachung durch Besitzer und Polizei, sowie dem Entfernen einiger Gegenstände durch die Eigentümer, begannen einige Insulaner damit, Gegenstände von Bord zu schaffen. Vor allem wertvolle Metalle waren neben der Inneneinrichtung von Interesse.
Viele der an der Ausschlachtung des Schiffes beteiligten waren zu diesem Zeitpunkt arbeitslos. So wurde das Leerräumen des Schiffes für sie zu einer Vollbeschäftigung von der sie sich durch den späteren Verkauf der Gegenstände einen guten Verdienst versprachen. Diese Gruppe ging daher sehr systematisch beim demontieren ans Werk. Sie arbeiteten sich, von den oberen Decks abwärts, Deck für Deck vor. Mit der Zeit wurde immer mehr an Land gebracht und zur Vereinfachung des Transportes wurde mit Hilfe eines alten Toyota eine motorbetriebene Seilbahn errichtet. Kunstwerke wurden aus ihren Rahmen geschnitten, Möbel an Land gebracht, die Teakholzdecks abgetragen, aber vor allem waren Metalle Ziel der Demontage:
Verzierungen und Handläufe aus Aluminium, Fenster, Türrahmen und Beschläge aus Messing und Kupfer, Gelender und Ornamente aus Bronze, dazu Bullaugen, Rohrleitungen und Kabelstränge. Alles was sich irgendwie loslösen ließ, wurde entfernt.

Eine andere Gruppe von Leuten waren die "Gelegenheitsplünderer", die meistens am Wochenende auftauchten. Sie gingen wesentlich gröber vor. Einige Leute warfen ihre ergatterten Möbel und Einrichtungsgegenstände, um die oft kleinere Kämpfe ausbrachen, einfach über Bord und warteten darauf, dass die Brandung sie ans Ufer spülte, wo Angehörige die Beute in Empfang nahmen.
Das bis auf den Bodenbelag leergeräumte Pazifikrestaurant. Oben rechts Vergleichsbild.
Bild: NDR
Rettet die American Star- Neue Hoffnung und zu späte Pläne

Ein australischer Reeder, der sich schon vor der Strandung um den Erwerb der American Star bemühte, plante 1994 die Bergung des Wracks mit mehreren Transportflößen und wollte die zwei Hälften in Australien wieder zusammenschweißen lassen, was theoretisch durchaus im Bereich des Möglichen lag. Geplant war das Schiff als Hotel einzusetzen, was sich jedoch aufgrund von unüberwindbaren und extrem kostspieligen Problemen bei einer möglichen Bergung praktisch als nicht durchführbar erwies.
Der zweite Nutzungsplan stammt von einem Griechen, der das Wrack käuflich erwarb. Er wollte das Heck verschrotten und mit den Einnahmen das Bugteil wieder schwimmfähig machen, um damit als eine Art Museum Mittelmeerhäfen anzulaufen. Er lies auf der Insel bekannt machen, dass er die geplünderten Einrichtungsgegenstände zurückverlange und warb um Arbeiter für seine Verschrottungspläne. Dieses Werben blieb allerdings relativ erfolglos, da die Aussicht sich zum verschrotten des Hecks in Lebensgefahr zu bringen, nicht besonders attraktiv war. Deshalb sollten nun Arbeiter aus Griechenland eingeschifft werden, aber die zunehmende Zerstörung des Hecks machte ein Verschrotten sicherheitstechnisch unmöglich. So wurde auch dieser Plan fallen gelassen und die American Star ging wieder in den Besitz des Verteidigungsministeriums über.
Das Atlantikrestaurant konnte nicht mehr rechtzeitig leergeräumt werden. Obwohl auf dem selben Deck wie das darüber abgebildete Pazifikrestaurant, befand es sich durch die tiefere Wasserlage des Heckteils der American Star in Reichweite der Brandungswellen. Wertvolle Reliefwandverzierungen in diesem Raum gingen unwiederbringlich verloren.
Inhalt

S.S. American Star 1994-heute

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Das Hauptfoyer auf dem Promenadendeck. Links an Bord der America, rechts an Bord der American Star.
Die meisten von Bord geschafften Sachen ließen sich nicht verkaufen und wurden nach einigen Jahren weggeworfen, oder verrotten immer noch in zahlreichen auf der Insel verstreuten Lagern und Schuppen vor sich hin.
Ein Teil der Einrichtung wurde aber auch für die Innenausstattung eines in Puerto del Rosario (Hautstadt Fuerteventuras) befindlichen Restaurants verwendet.
Die beiden Art Déco- Eingangstüren zur großen Lounge schmücken heute einen Nachtclub in Lissabon.

Für die vielen Kunstwerke an Bord waren die Plünderungen ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sind einige seither verschollen oder durch unsachgemäße Lagerung dem weiteren Verfall preisgegeben, andererseits verdanken viele ihre Rettung vor dem Totalverlust gerade auch dem organisiert vorgehenden Teil der  Plünderer. Mit dem Verbleib an Bord wären sie zwangsläufig ein Opfer von Vandalismus oder der letztlich alles zerstörenden Kraft des Meeres geworden.

Die American Star am 19.1.94, einen Tag nach der Strandung und vor ihrem kompletten Auseinanderbrechen. Die Ausläufer des Orkans sorgen noch immer für starken Seegang.
-Bild: TVE Canarias/ Vie et Mort de l'America -
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