Design und Innenarchitektur
Das Innendesign der America war eine kleine Revolution: Zum ersten mal in der Geschichte der Schifffahrt brach ein Team von weiblichen Innendesignerinnen mit althergebrachten Einrichtungstraditionen dieser klassischen Männerdomäne und verwirklichten ihre eigene zeitgenössische Interpretation modernen Lebens auf hoher See.

Mit der Innengestaltung des Schiffes wurden zwei Firmen beauftragt, welche sich in perfekter Symbiose ergänzten.
Die technisch-konstruktive Innenarchitektur übernahm die New Yorker Firma "Eggers & Higgins". Das ästhetisch-künstlerische Innendesign wurde von "Smyth, Urquart& Marckwald Inc." geleitet. Zu ihrer Zeit war diese Firma von Miriam Smyth, Anne Urquhart und Dorothy Marckwald die einzige von Frauen geleitete maritime Innendesignfirma weltweit. Die drei waren verantwortlich für die Einrichtung der über 20 Aufenthaltsräume, aller Passagierkabinen, Foyers, Korridore und Treppenhäuser. Die America war nicht ihr erster Auftrag, sie hatten sich zuvor schon auf mit der Ausstattung von anderen Schiffen einen Namen gemacht. Im Gegensatz zu ihren vorherigen Auftragsarbeiten hatten sie diesmal aber zum ersten mal, dank großem Ermessensspielraum seitens der Reederei, die Möglichkeit, ihre Vorstellungen von moderem Design zu verwirklichen.

Denn anders als der bis dahin auf amerikanischen Passagierschiffen vorherrschenden, eher rustikalen Einrichtung, gab es bei der America eine komplette Neuausrichtung:
Die einzige Vorgabe der United States Lines Reederei war eine moderne, lebendige, die amerikanische Kultur repräsentierende Atmosphäre an Bord zu kreieren. Bei allem anderen wurde freie Hand gewährt.
Innendesign des Rauchsalons auf dem Promenadendeck.
-Bild: Ghotto Schleiser-
Bei der Planung der Innenausstattung der America durch das weibliche Designerteam wurde besonderer Wert auf zeitgemäßen, modernen Komfort gelegt, der sich in einer freundlichen, gemütlichen und unbeschwerten Atmosphäre spiegeln sollte.
Dieser Stil war ein Mix aus Elementen der Streamline Moderne, klassischen Art Déco Elementen, des amerikanischen Modernismus allgemein, aber auch anderen zeitgenössischen Stilrichtungen der 30er, wie zum Beispiel durch Hollywoodfilmsets beeinflusste Trends des Innendesigns von Privathäusern. Einige Elemente der Inneneinrichtung griffen auch dem besonders in den 50ern und 60ern dominanten Mid-Century Stil vorweg.

In Abkehr von den damals üblichen, dunklen Holztönen, waren die bestimmenden Farbgebungen der Decken und Wände in neutralem, warmem Cremeweiß und Beige gehalten, ergänzt durch farbliche Akzente in weichen Rot-, Grün- und Blautönen. Dunkle Flächen wurden nur sparsam eingesetzt. Klare Formen und Flächen ersetzten Vertäfelungen und Eichendielen,  geometrische Muster nahmen den Platz pseudo- viktorianischer Zierelemente ein. Metalle wurden nicht mehr hinter Stuck und Schnitzwerk versteckt, sondern als strukturgebende Gestaltungselemente eingesetzt. Zeitgenössische Kunst ersetzte Jagdtrophäen und chinesische Vasen. Starke Kontraste und zentrale Blickfänge prägten die öffentlichen Räume. In vielen Bereichen des Schiffes wurde indirekte Beleuchtung installiert, die es erlaubte, Licht ebenfalls als gestalterisches Mittel einzusetzen und so Einfluss auf die Atmosphäre eines Raumes auszuüben. So ergab sich ein Gesamtbild das vor allem mit einem Adjektiv beschrieben werden konnte: elegant.
Jedes Möbelstück, jedes Dekorelement war auf diese elegante, modern-gemütliche Gesamterscheinung abgestimmt und trug seinen Teil zum unverwechselbaren Charme der America bei. Und dieses Gesamtkonzept machte keineswegs Schluss an den Grenzen der ersten Klasse. Allen drei Klassen an Bord wurde eine ähnliche Aufmerksamkeit zuteil. Materialauswahl, Design und künstlerische Gestaltung zogen sich wie ein roter Faden durch alle Passagierbereiche der America.

Anne Urquhart und Dorothy Marckwald waren neben der gesamten Innendekoration auch für die Auswahl der zu beauftragenden Künstler zuständig. Ihre Firma leitete außerdem die Auftragsvergabe zur Umsetzung der von ihnen entworfenen Designs an Möbelfabrikanten, Bodenbelagshersteller oder auch Gießereien. Die Innendesigner der "Smyth, Urquart& Marckwald Inc.", die Innenarchitekten von "Eggers & Higgins" sowie Vertreter der Schiffsbauingeniere von "Gibbs & Cox" trafen sich regelmäßig zur Konzeptabstimmung in der Firma der Innendesignerinnen "Smyth, Urquart& Marckwald Inc.". Der Firmensitz an der 821 Madison Avenue in New York war somit die kreative Schaltzentrale und Geburtsstätte des inneren Erscheinungsbildes der America.
Bei der Innenausstattung hatten die Innendesignerinnen auch die Passagiere der nächsten Jahrzehnte im Blickfeld, denen der Stil nach Möglichkeit immer noch zusagen sollte, weswegen besonders auf Zeitlosigkeit Wert gelegt wurde. Eine Bestätigung für das Gelingen dieser Zielsetzung war die Tatsache, dass die Inneneinrichtung der America über ihre gesamten 39 Dienstjahre und darüber hinaus nahezu im Originalzustand erhalten blieb. Eine Bilanz die nur wenige andere über so viele Jahrzehnte fahrende Ozeanliner für sich verbuchen können.
Besonders wichtig waren für Dorothy Marckwald auch die Bedürfnisse der weiblichen Passagiere an Bord. So legte sie beispielsweise großen Wert darauf, dass jede Kabine einen Ganzkörperspiegel und einen kleidlangen Schrank hatte.

William Francis Gibbs, der leitende Schiffsbauingenier der America, wurde einmal gefragt warum er für seine Schiffe immer wieder das Team von "Smyth, Urquart& Marckwald Inc." auswählte. Seine schwarzhumorige Antwort: "Ich ziehe den bekannten Horror dem unbekannten vor."

Mit der Anfertigung der Einrichtung wurden ausschließlich amerikanische Firmen beauftragt. Hintergrund war auch hier, wie beim Bau des Schiffes allgemein, der "New Deal", also die Wirtschaftsankurbelung, aber auch die Idee der America als nationales Aushängeschild.

Das fertige Ergebnis überzeugte mit freundlicher, heller und funktionaler Innenarchitektur und Einrichtung, welche, ohne in Superlative zu verfallen oder pompös zu wirken, in die Zukunft wiesen und Mut zu Innovationen zeigten, ohne dabei die Gemütlichkeit  aus den Augen zu verlieren, oder kühl zu wirken. Ein Stil, der die America bis zum Ende ihrer Tage ausmachen sollte
Am Ende ihrer Passagierkarriere 1979 war die America eines der größten erhaltenen Gesamtkunstwerke der amerikanischen Moderne und des Zeitgeistes der späten 30er Jahre und blieb dies bis zu ihrer Strandung 1994.
Innenarchitektur der erste Klasse Cocktaillounge.
-Bild: United States Lines über Byron-
Radikaler Stilwechsel im direkten Vergleich: links der Rauchsalon der Manhattan (nur 8 Jahre vor der America gebaut), rechts der Rauchsalon der America.
-Bilder: US Lines, Chandris Lines-
Innenarchitektur, Hallenbad.
-Bild: Shipyard Bulletin-
Ballsaal
-Bild: US Lines-
Treppenhaus.
-Bild: US Lines-
Bei der Materialauswahl für das neue Schiff gab es radikale Neuerungen. Diese wurden vor allem auch durch die neuen Feuerschutzbestimmungen nötig und inspirierten die Innenausstatterinnen zu innovativen Oberflächengestaltungen, da es galt diese neuen Materialien optisch ansprechend zu präsentieren. Die Inneneinrichtung der America war zu über 90% Feuerfest. Was aussah wie Holz, war in Wirklichkeit oft ein synthetischer feuerfester Werkstoff namens Marinite mit hauchdünnem Holzfurnier beklebt oder oberflächenstrukturiert. Stoffe, Farben, Oberflächenbeläge- alles musste sich dem Diktat der Sicherheit unterwerfen und trotzdem optisch überzeugen.
Innenarchitektur und Design, zweite Klasse Speisesaal. Klare Linien, geometrische Formen, Metall als Zierelement und die verchromten Kupferstiche berühmter Wahrzeichen als zentraler Blickfang.
-Bild: US Lines-
kräftige Farben in einer "de Luxe"- Kabine der America.
-Bild: US Lines-
Foyer auf dem Promenadendeck. Als Vorbild für das Muster diente ein geflochtenes Tau.
platzsparender Komfort einer dritte Klasse Innenkabine.
-Bild: US Lines-
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Zweistöckiger Speisesaal
-Bild: US Lines-
Lounge, Detail
-Bild: US Lines-
Innendesignerinnen Anne Urquhart (links) und Dorothy Marckwald bei der Arbeit mit Modell der America im Hintergrund.
-Bild: Smyth, Urquhart and Marckwald, Inc.-
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Oben: Die Innenarchitekten der America: Daniel P. Higgins (links) und Otto R. Eggers.
Rechts: Innendesignerin Anne Urquhart vor der America.
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