Die Schornsteine der America- einmalig und unverwechselbar
Das stromlinienförmige Design

Die Grundform der beiden Schornsteine bildete eine dem Querschnitt nach wassertropfenförmige Konstruktion, die im vorderen Bereich eine klassische Rundung aufwies und sich nach hinten verjüngte.
Auf dieser Basis ruhte die sogenannte Sampan Konstruktion, bestehend aus einer vorne angerundeten Kappe und nach hinten quadratisch überstehenden Flossen, die entfernt an das Leitwerk eines Flugzeugs erinnerten.
Direkt unterhalb der Sampan Kostruktion befand sich ein um den Schornstein laufendes Band, welches ihm zusätzliche Tiefe, sowie eine weitere Dimension verlieh und an die klassische, ovale Schiffsschornsteinform der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erinnerte.

Das Design der Schornsteine war stromlinienförmig, aerodynamisch und vermittelte den Eindruck, als sei die America selbst wenn sie vor Anker lag mit voller Fahrt auf hoher See unterwegs. Auf den Eindruck der Schnelligkeit war ganz bewusst bei der Ausarbeitung dieses Designs geachtet worden, denn genau das war es, was man von einem Transatlantikliner neben Sicherheit, Komfort und gutem Service erwartete.

Falsch oder echt- warum ein Dummy Schornstein?

Nur der hintere Schornstein der America war echt und diente der Emission von Energieerzeugungsrückständen des Dampfschiffes. Der fordere Schornstein war eine Attrappe, in deren unterem Teil ein Notgenerator untergebracht war, sowie während der Australis-Zeit auch ein Lagerraum. Während der Zeit als Truppentransporter West Point behergergte die Spitze des Dummy Schornsteins als höchste strukturelle erhebung des Schiffes (sogar höher als das Krähennest) einen Ausguck mit 360 Grad Sicht, vorrausgesetzt die Abgase des echten Schornsteins behinderten diese nicht.
Während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts galt die Zahl der Schonsteine als Symbol der Stärke und Zuverlässigkeit eines Schiffes. Ein Schornstein alleine hätte nicht den damals geltenden Erwartungen der Passagiere an einen großen Transatlantikliner entsprochen.
Auch viele andere Schiffe hatten bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Dummy-Schornsteine, unter ihnen so bekannte wie die Titanic und die Normandie.

Die Sampan Konstruktion und die nachträgliche Erhöhung der Schornsteine

William Francis Gibbs, der Konstrukteur der America, setze Maßstäbe in Design und bei Innovationen seiner Schiffe. Aber wie es mit Innovationen nun mal so ist, nicht immer läuft alles so wie geplant.

Für die America waren in ihrer ursprünglich angedachten Konstruktion sehr niedrige Schornsteine mit Sampan Aufsatz geplant:
Der echte Schornstein der America auf dem Plattencover von Percy Faiths "Passport to Romance" (1955)
Der echte Schornstein der America von oben in Newport News. Zu sehen sind die Abgasöffnungen der sechs Steigrohre der Kessel und zwei Ventilationsöffnungen.
-Bild: United Newsreel Standbild-
Probleme mit Ablagerungen auf den Decks

Die niedrigen Schornsteine des ursprünglichen Designs von 1939 erwiesen sich als Fehlkonstruktion, da sie die Decks extrem verschmutzten und die asche- und ölhaltigen Abgase nicht effektiv ableiten konnten. Aber auch nach der Erhöhung der Schornsteine blieb, wie auf vielen Dampfschiffen, dieses Problem teilweise bestehen.
Die Verbrennungsrückstände legten sich besonders bei ungünstigen Windbedingungen und langsamer Fahrt über alles, verdunkelte die Decks und konnten, wenn man an der falschen Stelle stand, sogar die Kleidung verschmutzen. In seltenen Ausnahmefällen gelangten sie sogar in das Lüftungssystem und verschlechterten die Luftqualität im Inneren des Schiffes.

Während diese Ärgerlichkeiten auf der America noch nicht so stark ins Gewicht vielen, wurden sie durch die intensivere Außendecknutzung auf der Australis zu einem Problem, für das nie eine 100 prozentige Lösung gefunden werden konnte. Die hinteren erweiterten Deckaufbauten, inklusive Swimmingpool mit Lidodeck, waren ein zentraler Treffpunkt und Freizeitgestaltungsort auf der Australis. Gerade in diesem Bereich waren die sich ablagernden Ölrückstande und Aschepartikel ein Ärgernis, besonders im Poolwasser. Auch das Sportdeck direkt hinter dem Schornstein bekam besonders viel Verbrennungsrückstände ab. Jeden Morgen musste es mit einem Feuerwehrschlauch komplett abgespült werden um von Passagieren benutzt werden zu können. Um dem entgegenzuwirken, erhielt der Schornstein 1969 eine Erhöhung durch einen Aufsatz. Da sich die damit erzielten Erfolge in Grenzen hielten, wurde er Mitte der 70er wieder entfernt.

Mechanismen zur Reduzierung der Abgasbelastung der Decks

Dem Problem der Ablagerungen an Deck wurde von technischer Seite Massiv entgegengewirkt, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Die America verfügte seit ihrem Bau über mehrere Systeme zur besseren Kontrolle der Abgase. Das technisch aufwändigste waren die Dustcatcher. Von den sechs Kesseln der America (drei vor, drei hinter dem Maschinenraum) liefen einzelne Steigrohre in den Schornstein. Hier befanden sich die sogenannten dust catcher (Staubfänger), deren Aufgabe es war, Verbrennungsrückstände wie Asche, Ruß und Ölpartikel durch Fliegkraft herauszufiltern. Dazu wurden die Rauchgase von unten in die dust catcher eingeleitet. Dort passierten sie einen spiralförmigen Schaufelmechanismus, der sie dazu brachte, spiralförmig zu zirkulieren. Bei der dadurch entstehenden Fliegkraft wurden Aschepartikel und andere Rückstände herausgeschleudert und fielen an den Seiten des dust catchers über Öffnungen in Staubrückführungskanäle, wo sie durch die Schwerkraft nach unten in Auffangsysteme fielen. Die Abgasrohre der sechs Kessel wurden auch über den Dustcatchern nicht gebündelt und verließen einzeln den Schornstein.
Das zweite System zur Reduzierung der Emmisionsrückstände an Deck waren Ventilatoren am Schornstein, die für zusätzlichen Auftrieb sorgen sollten.
Das dritte System war der Schornstein selbst. Die schon oben beschriebene Sampan- Konstruktion sollte den Luftstrom während der Fahrt nutzen, um Auftrieb für die Abgase zu erzeugen.
Der Dummy-Schornstein- Bestand wirklich Einsturzgefahr?

1979, im Zuge der Renovierungsarbeiten um das Schiff als Italis wieder für den Passagiertransport einsatzfähig zu machen, wurde der vordere Dummy-Schornstein entfernt. Übrig blieb ein unförmig wirkender Stumpf, da man den im unteren Teil des Schornsteins untergebrachten Notgenerator an Ort und Stelle belies. Das Signalhorn, das sich ursprünglich an der Spitze des Schornsteins befand, wurde einfach auf dem Dach dieses Stumpfes montiert.
Als Begründung für das teilweise Entfernen des Dummy-Schornsteins gab die ChandrisReederei die starken Durchrostungen an, durch die angeblich Einsturzgefahr bestand.

Ob der Zustand des Schornsteines wirklich so dramatisch war, lässt sich aufgrund fehlender Quellen nicht belegen. Sicher ist aber, dass er kosmetisch in keinem guten Zustand war. Zahlreiche Durchrostungen und Verbeulungen hätten repariert werden müssen.
Da zu dieser Zeit aber zwei Schornsteine dem Passagieremfinden nach eh als veraltet galten und die Italis mit der Konkurrenz neuerer Schiffe mithalten musste, stellte sich die Frage nach einer Reparatur nicht.
Weiter kam noch hinzu, dass es bei Chandris Pläne gab, die Aufbauten der Italis zu erweitern und beide Schornsteine durch einen großen neuen zu ersetzen. Diese Pläne wurden dann zwar nie realisiert, aber der Dummy-Schornstein stand so oder so im Weg.

Der verbleibende, echte Schornstein, der langfristig ersetzt werden sollte, wirkte aber ohne seinen Zwilling viel zu hoch und uneingebunden in die restlichen Aufbauten der Italis. Um dieses Problem etwas zu entschärfen, wurde das umlaufende Band im oberen Teil des Schornsteins gleich der Kappe schwarz gestrichen, so dass der Schornstein optisch leicht niedriger (da breiter) wirkte.

rechts: Schornstein im verblichenen Italis Farbschema an Bord der Alferdoss.
-Bild: Vie et mort de l'America Standbild-

links: Schornsteine der Australis mit Aufsatz.
-Bild: Chandris Lines-
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Das Loch im Schornstein der American Star

Wenn man den verbliebenen Schornstein der gestrandeten American Star betrachtete, viel dort ein großes, kreisrundes Loch auf. Aber wie kam es dorthin?. War es Verfall? Haben Insulaner dort etwas für sie wertvolles entfernt? Die Antwort klingt unglaublich, ist aber glaubwürdig überliefert. Es war Vandalismus des spanischen Militärs. Ein Kampfhubschrauber schoss eine Rakete auf den gut sichtbaren Zielpunkt, obwohl sich zu diesem Zeitpunkt dutzende mit der Demontage der Inneneinrichtung beschäftigte Insulaner an Bord befanden. Die vom Schiff flüchtenden werden diese Aktion sicher alles andere als lustig gefunden haben. Ein Opfer gab es auch zu beklagen: Ein gerade an Seilen hängender Konzertflügel fiel durch den verursachten Schrecken ins Wasser und versank.
Die ballistische "Schorsteinsprengung" hingegen blieb weitgehend folgenlos. Die noch immer intakte Statik des Schornsteins ließ sich nicht von der Explosion beeindrucken.
Dust Catcher der Firma Vortex an Bord der America.
Der "Übeltäter" kreist über dem Wrack.
-Bild: Das Wrack der America/NDR-
Der entstandene Schaden.
-Bild: Das Wrack der America/NDR-
1932: Santa Rosa. Vorne abgerundete Kappe und nach hinten quadratisch überstehende Flossen. Weißes Band nur aufgemalt.
1940: America. Vorne abgerundete Kappe und nach hinten quadratisch überstehende Flossen. Zusätzlich ovales weißes Band.
1952: United States. Leicht abgerundete Kappe und nach oben weisende quadratisch überstehende Flossen. Weißes Band nur aufgemalt.
1958: Santa Paula. Kaum abgerundete Kappe und kleine, sehr weit oben angesetzte, quadratisch überstehende Flossen. Weißes Band nur aufgemalt.
Infobox: Die Evolution von William F. Gibbs' Sampan- Schornsteinen
Ursprüngliche Höhe der Schornsteine.
-Bild: Ausschnitt aus alte Werbeanzeige für Welin Rettungsboote-
Ursprüngliche Höhe: Die Schornsteine verschwinden vom Sportdeck aus teilweise hinter den Aufbauten.
-Bild: US Lines-
Werbung:
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Werbung:
Werbung mit dem Schornsteinprofil der America für den deutschen Markt.
-Bild: United States Lines-
Heckansicht der Schornsteine
Bild: Vielen Dank an Bill Lee (Steelways Cover 1948)
Diese Konstruktion sollte den Rauchabzug durch ihre aerodynamischen Eigenschaften verbessern und für Auftrieb sorgen, um die fehlende Höhe ausgleichen zu können und so die niedrigen Schornsteine ermöglichen, welche die stromlinienförmige Erscheinung der America auf die Spitze treiben sollten.
Mit Sampan Konstruktionen experimentierte Gibbs schon Anfang der 30er bei vier Baugleichen Linern für die Grace-Line mit Erfolg, allerdings mit höheren Schornsteinkonstruktionen.

Bei der Konstruktion der niedrigen Schornsteine der America überschätzte Gibbs die Effektivität des Sampan Systems jedoch, der erdachte Auftrieb war nicht stark genug um die fehlende Höhe auszugleichen. So mussten die Schornsteine nachträglich wegen starken Rußablagerungen auf den Decks um 5 Meter erhöht werden, was das Erscheinungsbild des Schiffes stark veränderte.

Eine Weiterentwicklung der Konstruktion ist auch bei dem ungleichen Schwesterschiff der America, der United States, von Gibbs angewandt worden, allerdings diesmal gleich in Kombination mit sehr hohen Schornsteinen.

Der noch am Kran hängende echte (hintere) Schornstein der America in seiner ursprünglichen Höhe wird eingepasst.
-Bild: Pacific Marine Review-
English version here:
Die Sampan- Schornsteine bekommen Flügel

Eine große Änderung des Schornsteindesigns der SS United States im Vergleich zur SS America, welches den Auftrieb der Sampan konstruktion wesentlich effektiver wereden ließ, wurde von einem Newport Newser Schiffsbauingenieur, Howard E. Lee Jr. vorgeschlagen.

Der Ursprünglich geplante Unterschied zwischen dem Schornsteindesign der America und der United States war nicht besonders spektakulär: Die Schornsteine sollten einfach nur größer ausfallen. So viel größer das sie die größten Schornsteine eines Ozeanliners welche jemals gebaut wurden werden sollten.

Die originalen kurzen Schornsteine der America verursachten Rußablagerungen auf ihren Außendecks. Sie einfach zu erhöhen erwies sich als größtenteils, aber nicht vollständig zufriedenstellend.

Gibbs' ursprüngliches Design für die Schornsteine des Superliners United States beruhte trotzdem genau auf dieser Lösung, nur eben noch eine Nummer größer. Tests im Windtunnel der Werft zeigten aber den geringen Wirkungsgrad dieser Maßnahme.

In dieser Situation schlug Howard Lee eine einfache aber extrem wirkungsvolle Lösung vor: Der Winkel der nach hinten überstehenden Sampan- ??? müssten von einer rechtwinklig zur Schornsteinachse in eine horizontale Ausrichtung mit einer leichten Aufwärtsneigung gebracht werden um den gewünschten Auftrieb zu erzielen. Windtunnel Tests mit diesem Änderungsvorschlag übertrafen alle Erwartungen.

Lees Idee war das Resultat seiner Erfahrungen mit dem Bauen und Fliegen von Modellflugzeugen zu seiner Jugendzeit, verbunden mit einem späteren Interesse kleine Flugzeuge selber zu fliegen.
So sorgte er mit seinem Vorschlag für die größten Innovationen in der Evolution von Gibbs Sampan Schornstein Design welcher nicht nur bei der United States, sondern auch bei einer Reihe von Frachtschiffen verwirklicht wurde.

Oben: Howard E. Lee, Jr. (links) begutachtet das Resultat der Umsetzung seines Vorschlags zur auftriebverbessernden Neuausrichtung der Flossen bei einem Strömungsmodelltest der SS United States.
Links: Der Entscheidende Unterschied zwischen den Flossen der Schornsteine der SS America und SS United States: Flossen parallel zum Schornstein vs. FLossen parallel zum Horizont.