Der Bau der America
Die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre. Unsichere Zeiten, hohe Arbeitslosigkeit und steigende Armut in den USA. Das ist die Zeit, in welche die Idee zum Bau der America fiel.
Um die Ökonomie wieder in Gang zu bringen, erlies Präsident Roosevelt den berühmten "New Deal". Dieses staatliche Konjunkturprogramm, das darauf setzte, den Wirtschaftskreislauf unter anderem mit staatlicher Auftragsvergabe wieder in Gang zu bringen, umfasste auch die Handelsmarine mit dem sogenannten "Merchant Marine Act". Man wollte aus der Krise stärker herausgehen, als man vorher in sie hineingeraten war.
Ende 1936 schrieb daher die aufgrund des "Merchant Marine Act" neu gegründete U.S. Maritime Comission den Auftrag für die Umsetzung des bis dahin größten jemals in den USA gebauten Passagierschiffes aus, der zu diesem Zeitpunkt noch namenlosen America. Sie war das erste Schiff, welches im Rahmen dieses Programms zur Stärkung der Handelsmarine entstehen sollte.
Geplant war das Schiff im Transatlantikliniendienst für die United States Lines einzusetzen. Diese hatte zuvor in einem Deal ausgehandelt, ihr unrentables bisheriges Flagschiff, die alternde Leviathan, durch einen Neubau ersetzen zu dürfen, bei dem die Hälfte der fälligen Bausumme von der Reederei und die andere Hälfte von der Maritime Comission, also vom Staat bezahlt wurde.
Seite1: Entstehungshintergrund und Bauphase an Land
Inhalt

Die America war ein nationales Prestigeprojekt. Das wichtigste maritime Bauvorhaben ihrer Zeit in den USA, das tausende Arbeitsplätze sicherte bzw. schuf und der amerikanischen Handelsmarine ein neues Aushängeschild liefern sollte, ein nationales Symbol.
Sie sollte das schnellste, größte, luxuriöseste und modernste Passagierschiff, das jemals in den USA gebaut wurde werden.

Um diesen Plan zu realisieren, setzte man auf den Schiffsbauingenieur William Francis Gibbs und seine Firma Gibbs & Cox, welche 1936 den Zuschlag für die Entwurfsausarbeitung des Schiffes erhielt. Gibbs war zu dieser Zeit einer der angesehensten und erfolgreichsten Schiffsbauingenieure des Landes. Zahlreiche Passagierschiffe, darunter so bekannte wie die Lurline, die Mariposa, die Malolo oder die Santa Rosa wurden von ihm und dem Architektenteam seiner Firma Gibbs & Cox entworfen. Er und sein Team schufen dabei zahlreiche Innovationen und setzten Maßstäbe in der Schiffssicherheit.

Auf die Anforderungen an das neue Schiff hatten viele Parteien mit unterschiedlichen Interessen Einfluss: Die Reederei, die Architekten, die Maritime Comission und die Navy mussten ihre Vorstellungen unter einen Hut bringen. Gibbs Entwurf sah ein 220 Meter langes und 22 Knoten schnelles Schiff vor, das eine Kapazität von 1200 Passagieren haben sollte und die Rumpfunterteilung eines Kriegsschiffes besaß. Dieser Entwurf war ein Kompromiss, der alle Seiten überzeugte. Der fertig ausgearbeitete Entwurf wurde am 22. Juli 1937 vom Vizeadmiral der Maritime Commission abgenommen.
Die United States Lines hatte sich Anfang der 30er entschieden, ihr alterndes Flagschiff, die Leviathan (die ehemals deutsche Vaterland, gebaut 1914) aufgrund von Unrentabilität und anderen Problemen auszumustern. Das zu dieser Zeit zuständige Shipping Board willigte schließlich mit der Bedingung ein, die Leviathan durch einen Neubau zu ersetzen. Aber die staatliche Subventionierung war zu gering und die Kosten daher zu hoch. So versuchte die Reederei den Bauauftrag hinauszuzögern. Als das Shipping Board schließlich 1936 durch die Maritime Commission im Rahmen der Ausweitung des "New Deals" auf die Handelsmarine ersetzt wurde und die Subventionierung kräftig stieg, wodurch wirtschaftlicher erfolg in Aussicht kam, machte auch die United States Lines den Weg frei für den Neubau und gab ihre Blockadehaltung auf.
Die Konstruktion beginnt: Vize Admiral E. S. Land der Maritime Comission (weißes Hemd) setzt am 22. August 1938 symbolisch die ersten beiden Nieten in den Kiel der America.
-Bilder: Newport News Shipyard Bulletin, US Lines-
In den 30ern war der Schiffsbau noch Knochenarbeit, mit vielen Gefahren für die Arbeiter. Beim Bau der America kamen aber auch schon neue Fabrikationsmethoden, wie die modulare Vorfertigung von Segmenten zum Einsatz, welche die Konstruktion beschleunigten. Der Großteil der Schiffskonstruktion wurde jedoch traditionell an Ort und Stelle, Stahlträger für Stahlträger, zusammengenietet. Das bedeutete eine Tausendschaft an Arbeitern, welche mit viel Muskelkraft, Schweiß und oft unter unwirtlichen Bedingungen bis an ihre Grenzen gingen.
Der fertig ausgearbeitete Entwurf von Gibbs & Cox wurde am 22. Juli 1937 vom Vizeadmiral E.S. Land der Maritime Commission abgenommen.
-Bild: Vielen Dank an Bill Lee-
Rumpf der America in frühem Konstruktionsstadium in Richtung Bug  blickend. Man sieht die einzelnen Schotten und im Vordergrund einen Aufzugsschacht.
-Bild: Universal Newsreel-
Oben: Arbeiter bringen eine Stahlplatte der Rumpfunterseite der America in Position.  
Darunter: Vernietung der Rumpfbeplattung auf Holzgerüsten.
-Bilder: United States Lines/ Univ. Newsreel -
Mr. Gibbs und sein Team konzipierten die America so, dass sie das sicherste Passagierschiff ihrer Zeit wurde. 14 Wasserdichte Abteilungen, von denen drei beliebige komplett geflutet werden konnten, ohne das Schiff in Gefahr zu bringen, die genietete Außenwand des Schiffes verfügte in sensiblen Bereichen über ein bis oberhalb des B-Decks reichendes doppelwandiges Kammersystem, in dem Tanks untergebracht waren und das Brandverhinderungs- und Bekämpfungssystem setzte neue Maßstäbe. 90 % des Schiffes bestanden aus nicht brennbarem Material, es gab eine zentrale Brandleitstelle, flächendeckende Feuer Warn- und Löschsysteme, sowie elektromagnetisch kontrollierte Feuerschutztüren, eine Weltneuheit im Einsatz auf Schiffen. Die doppelwandigen Metallrettungsboote konnten über Schwerkraftdavits im Notfall von nur einer Person zu Wasser gelassen werden und sanken dank eines Kammersystems auch nach einem Wassereinbruch nicht.
(Link: Mehr über die Sicherheitssysteme an Bord)

Oben: Arbeiten am Schiffskörper der America. Blick vom Bug in Richtung Heck.    -Bild: Universal Newsreel-
Darunter: Arbeiter biegen glühende Spanten. Da viele Spanten am komplexen Schiffsrumpf Unikate sind, muss zuvor jedesmal eine neue Schablone mit Hilfe von Eisenstiften im Lochboden abgesteckt werden.
-Bild: United States Lines-
Die Rumpfkonstruktion ist auf dieser Aufnahme bis zum Hauptdeck fortgeschritten. Die herausragenden Strukturen sind Aufzug- Treppenhaus- und Ladeschächte.   -Bild: United States Lines-

Infobox: Die America ersetzt die Leviathan
S.S. Leviathan in den 20ern.
-Bild: United States Lines Postkarte-
Bug- und Heckansicht der America im Sommer 1939, kurz vor ihrem Stapellauf. Ein Großteil des Rumpfes und der Aufbauten ist im Rohbau fertiggestellt. 
-Bilder: United States Lines-

Links: Arbeiter beim Vernieten von Bodenplatten im inneren der America.  
-Bild: Standbild aus Universal Newsreel filmed by Graham McNamee-
Unten: Americas fixiertes Ruder mit Steuerbordschraube.
-Bild: United States Lines-
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Bau 1938-1940

1936 ist zwar ein Schlüsseljahr für die Entstehung der America, jedoch nicht der Beginn der Entwicklungsgeschichte des Schiffes. Vorentwürfe reichen bis in die Zeit Anfang der 30er zurück. Insgesamt 16 verschiedene Entwürfe wurden seit 1932 angefertigt, angefangen mit modernisierten Varianten des United States Lines Schiffes ss Manhattan. Dreimal kam es sogar zu einem Bieterverfahren über die Konstruktion des hypothetischen Schiffes. Diese Entwürfe sind aber nicht unter der Zielsetzung und politischen Einflussnahme entstanden, unter der die America letztlich 1936 als völlig neues und richtungsweisendes Schiff konzipiert wurde und daher für das tatsächliche Projekt nur von geringer Bedeutung.
Infobox: Die Vorentwürfe der America
Test eines Rumpfmodelles der America bei 23 Knoten im Wellenkanal. Vor dem Beginn ihrer Konstruktion wurden über 50 verschiedene Modelle in gut 5000 Testläufen erprobt. Auch ein Modell mit heute üblichem Wulstbug wurde getestet, aber nicht umgesetzt. Neben dem Strömungsverhalten wurde auch die Reaktion des Rumpfes auf Seegang untersucht. Wellenlängen von 30 bis 300 Metern wurden dafür simuliert.
Oben:
Halbmodell des Rumpfes der America. Anhand dieses Modells wird später die Spantenkrümmung des echten Schiffes berechnet. Das Modell ist daher bis auf den Millimeter genau.
Der Kiel der America mit ersten Spanten. Die spätere Form des Rumpfes lässt sich bereits erahnen.
-Bild:US Lines-
Der erste Schritt zum Bau der America war die Kiellegung. Der Kiel war die Wirbelsäule der America. Er war Ausgangspunkt für die nachfolgende Konstruktion und von wichtiger struktureller Bedeutung. Der Kiel wurde aus vorgefertigten Sektionen auf Holzblöcken zusammengesetzt, die später für den Stapellauf und die Gewichtsverteilung des wachsenden Schiffes wichtig waren. Vom Kiel ausgehend erstreckte sich ein Gerüst aus Stahlträgern, den so genannten Spanten. Sie waren die stählernen Rippen der America. Sie bestimmten den Verlauf der Rumpfform und waren daher teilweise sehr komplex geformt. Anhand der Spanten lässt sich Beispielhaft die komplexe Arbeitsweise nachvollziehen, welche im klassischen Schiffsbau Bauteil für Bauteil angewandt wurde:
Um sie zu fertigen wurde zunächst auf dem sogenannten Schnürboden in einer Werkshalle der Werft eine Art Schablone (der Spantenriss) im Maßstab 1:1 nach  den ausgearbeiteten Konstruktionsplänen und anhand des oben abgebildeten Halbmodells des Rumpfes aufgezeichnet. Für das Formen wurden dann Stahlträger bis zur Glut erhitzt. Mit Hilfe von Eisenstiften wurde danach auf Grundlage der erstellten Schablone in einem Lochboden die genaue Form des jeweiligen Spants abgesteckt. Dann kam rohe Muskelkraft zum Einsatz. Mit Hämmern wurde der Stahl in seine neue Form gebracht. Diese Prozedur war sehr mühsam und zeitaufwändig, da fast alle Spanten des Rumpfes Unikate waren. Gleiches galt für viele Stahlplatten der Rumpf- , Schotten- und Decksbeplattung. Alle waren durchnummeriert und hatten Kreidemarkierungen für ihre genaue Ausrichtung bei der Verbauung. Wie bei einem Puzzle passten sie aufgrund ihrer für die Nieten gestanzten Löcher und ihrer Form nur an eine bestimmte Stelle des Schiffes.
Die Spanten, Träger und Stahlschotten der America wuchsen so von Niete zu Niete, Stahlplatte zu Stahlplatte und Deck zu Deck langsam unter einem riesigen logistischen Aufwand in die Höhe.
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Am 15. September 1937 wurde ein Ausschreibungsverfahren für die Konstruktionsausführung gestartet.
Den Zuschlag erhielt die Werft "Newport News Shipbuilding & Drydock Co." in Newport News, Virginia, welche sich mit dem niedrigsten Konstruktionspreis von 15.759.000$ gegen andere Mitbewerber durchgesetzt hatte.
Der Vertrag für die Konstruktion wurde am 21. Oktober unterzeichnet. Fast unverzüglich wurde am 8. November 1937 mit der Ausarbeitung der Konstruktionspläne begonnen, so dass schon im Sommer 1938 (22. August) die Kiellegung gefeiert werden konnte. Am 8. Dezember desselben Jahres erhielt die America auch ihren Namen. Zur Namensauswahl standen neben America unter anderem Gettysburg, Mayflower oder auch United States. America machte schließlich das Rennen, da es prägnant und international war. Auch in anderen Sprachen bedarf es keiner Übersetzung.

Die Ausarbeitung der Konstruktionspläne der America in einer Werkshalle der Newport News Werft.
-Bild: Universal Newsreel-
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